TRACES

KUNSTHALLE LEHNIN, 31.Juli 2022

 

Bettina Albrecht hatte 2018, also schon vor vier Jahren, eine fulminante Einzelausstellung in unserer Galerie. Im Zeitraum zwischen der Ausstellung jetzt und der vorherigen ist viel geschehen:

Die Künstlerin hat zu einer neuen Handschrift gefunden und dies ohne ihre Wurzeln zu kappen.

Waren ihre “Land-schaften” (so der Titel der damaligen Ausstellung) pastos, gleichsam über die Malgründe getriebene, in heftiger Bewegung erstarrte Reliefs, so zeigen sich uns die neuen großformatigen, gezeigten Arbeiten, als von lichter, Farbräumlichkeit durchzogene SPUREN/TRACES, denen man gebannt mit Augen und allen Sinnen folgt.

Wenn wir Bettina Albrechts SPUREN nachgehen, finden wir wenige, bis gar keine an Figürlichkeit oder an deren Abstraktion erinnernde Details.

Und doch: Es sind innere Landschaften, Bilder, Gefühlsräume, die sich vor unseren Augen auftun, uns in ihren Bann ziehen.

Der Farbauftrag variiert von luzide bis deckend und wird mit unterschiedlichsten Werkzeugen aufgetragen. Vom Pinsel über die Bürste, von der Rakel über die Struktur von Schuhsohlen - bis hin zu gegossener, geschleuderter Farbe finden wir mannigfaltige Ausdrucksformen von gestischer “Peinture”.

Wenn wir die Arbeiten “Hashima I” und “Hashima II” betrachten, lesen wir im aus der Mitte genommenen, schier verborgenen Zentrum des Bildes eine Form, die für die Künstlerin eine Reminiszenz an die japanische Insel Hashima, auch Geisterinsel genannt, aufscheinen lässt.

Die tragische Geschichte dieser Insel ist ein Thema, das sie sehr berührt und bewegt.

Apropos bewegt: Wie die Dünung oder Brandung des Meeres umschreibt sie die gefühlte Insel, zieht in tänzerischem Schwung die farbgetränkte, pigmentbestäubte Rakel in den offenen Bildraum. Schwingt ihren Körper aus in einem satten Grün. Farbe fließt, löst sich in Tropfbahnen aus der Fläche, sie fließt in Rinnen, innehalten…! Jetzt kommt Bewegung in die Leinwand, eine Drehung, noch eine, die Leinwand tanzt…, dann liegt der Malgrund rücklings. Nun mehr Farbe, sie streicht, wischt eine geschwungene Fläche, sie schüttet ein Farbbett, das sich symbiotisch mit darunterliegenden Farbräumen vermählt.

Bewegung, Dynamik, Tanz: Subjektivität, Aggression und Poesie materialisieren sich in den neueren Arbeiten, in den “Bild-Räumen” von Bettina Albrecht. Sie sind eine Schule des Sehens, sie suchen nicht das Spektakuläre, sie sind einfach was sie sind:

Farbe, Rhythmus, Struktur, Freiheit.

Alles ist im Bild - man muss nur hinschauen.

Eckhart Haisch

 

Hier abschließend ein Gedicht von Christa Lichtenstern

 

Strömung und Form

Was lebendig bleibt,

ist Rhythmus,

was ersteht:

Gestalt.

Hügelweit

flutet der Raum

hinein und hindurch.

Schwingend in sich

findet Bewegung

Form.

2022 Hashima I, Acryl_ Leinwand, 200x190cm
2022, Hashima II, Acryl/ Leinwand, 200 x 190 cm

Eröffnungsrede von Sabine Techel (Schriftstellerin) anlässlich der Einzelausstellung in der Galerie Bernau 2008.

(...) In Bettina Albrechts Arbeiten erzählen die Farben ihre Geschichte, und zwar, je nachdem, die Geschichte einer Farbe oder die eines Zusammenhangs. Dabei wird Farbe bei Albrecht immer etwas, was nicht eine andere Farbe abbildet, sondern sich selbst formuliert, d.h. im Hegelschen Sinne, der postuliert, dass zum Konkreten der Begriff gehöre, haben wir hier konkrete Farbe.

Etwa eines der Bilder mit unerhörtem Materialeinsatz, ein Bild ohne Titel von 2004, mit 28 - 27 cm ein relativ kleines Format, erzählt die Geschichte der Farbe Weiß zu ihrem vorläufigen Ende. Was wir von Weiß wissen und was es selbst wissen kann, ist ausformuliert. Der massive Farbauftrag korrespondiert mit der gewaltigen Stille, die von dem Bild ausgeht.

2014 Katalogtext zu der Ausstellung in den KUNSTKATEN AHRENSHOOP und den STEINBERGER GALERIEN, WEIKERSHEIM/ LANGENARGEN Bettina Albrecht / Hans Hölzel.

BILDLANDSCHAFTEN

Bettina Albrecht erzeugt mittels Ölfarbschichtungen und teils lasierendem Farbauftrag mit unterschiedlichen Auftragsinstrumenten auf verschiedenen Trägermaterialien Räume, haptische Strukturen, Fragmente und Übergänge.

Die ungegenständlichen, manchmal physisch schweren Arbeiten sind von einer starken dynamischen Rhythmik gekennzeichnet.

Landschaften, oft das Meer, fungieren als eine Inspiration. Der Malprozess, auch als Experiment, führt zu sehr eigenständigen und kraftvollen Bildlandschaften.

Ihre Zeichnungen sind keine Vorstudien im engeren Sinn, sondern jeweils autarke Arbeiten.

Eine zyklenhafte Bearbeitung von Themen in Zeichnung und Malerei, wie z.B. Whiteness Of The Whale (Moby Dick) ist kennzeichnend.

JENS MILDE (Kunsthistoriker & Japanologe)

2004 Öl/Hartfaser 28x27cm
Kleine Berglandschaft 2004